Zeitzeugen

By Avatarinchen (@coolisse.bsky.social)
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Zeitzeugen, das sind äußerst wichtige Personen. Sie berichten von Zeiten, die so grauenvoll waren, dass sie ihr restliches Leben der Aufgabe widmeten, davon zu berichten und davor zu warnen.

Ein Zeitzeuge, das ist nicht der Kumpel aus der Straße, der erzählt, er habe gestern schon wieder von irgendeinem "Messermann" in der Bild-Zeitung gelesen, in irgendeiner Stadt sei das gewesen und es nehme ja überhand. Das ist kein Zeitzeuge. Das ist ein Hassprediger. Jede Tat kommt ihm nur recht.

Als Margot Friedländer starb, war das für mich ein sehr trauriger Moment.

Weil mit ihr ein bisschen Mut verschwand, ein bisschen von der mentalen Energie, die sie über 100 Jahre durchhalten lies, uns zu ermahnen, Menschen zu sein – und auch uns zu bitten, selbst an die Stelle aller Zeitzeugen zu treten, wenn diese nicht mehr da wären.

Vorausschauend.

Und genau jetzt, in diesen Zeiten, in denen so viele vergessen, Zeitzeugen von Hasspredigern zu unterscheiden, in denen zu viele auf Angstmacherei hören, Fremdenfeindlichkeit mit Zusammenhalt verwechseln und wieder Lügen glauben von denen, die volle Brieftaschen versprechen, müssen wir das tun.

Wir haben es offensichtlich verpasst, die Aufgaben von Zeitzeugen langsam zu übernehmen und Zivilcourage zu zeigen. Auf Migranten schimpfende Leute in der Bäckerei zurechtzuweisen. In der Metzgerei, im Hosengeschäft, im Supermarkt, in der Gärtnerei.

Das ist leider so, aber JETZT müssen wir.

Wir müssen einfach, oder wir werden selbst erleben, was die letzten Zeitzeugen noch erlebt haben – und nochmal, es war so grauenvoll, dass sie ihr Leben lang davon erzählten, wie Tausende eigener Leute mitmachten, Millionen von anderen Menschen abzuschlachten.

DAS macht Angst. Nicht Migranten.

Zeitzeugen waren es, die uns erinnerten, dass es eben nicht nur Zuwandernde waren, die verfolgt wurden, wie es heute schon praktiziert wird.

Es waren Menschen, die längst hier lebten. Deutsch sprachen. Bei denen man einkaufte, mit denen man tanzen ging, die Nachbarn waren. Freunde.<br> Und diese "Migranten" die Faschisten so hassen, das sind auch nicht nur Flüchtlinge, die nebenbei nicht wissen, wohin sie sonst sollen.

Es sind auch Freunde, Tanzpartner, Mitarbeiter, Kolleg:innen, Menschen die dein Essen kochen, die es dir bringen. Die sich freuen, wenn es dir gut schmeckt.<br> Sie fahren deine Pakete durch die Gegend, halten dir beim Zahnarzt die Hand, geben acht auf die richtige Dosis bei deiner Narkose, fahren Rettungswagen, verbinden deine Wunden, haben dieselben Blutgruppen, dieselbe Knochenstruktur und DNA wie wir alle, weil es nur eine Menschenrasse gibt.

Aber man soll auch nicht nur auf Nützlichkeit schauen – oder machst du das etwa bei deinen Freunden? Sind nur diejenigen gute Menschen, die dir nützlich sind?<br> Sicher nicht.

Wer Statistiken zu "Messermännern" herauskramt, werfe bitte auch einen Blick auf Femizide.

Angst unter Zuhilfenahme des Begriffes "Migration" zu schüren, ist ein so typisches Merkmal von Faschisten, dass man sie daran erkennen kann. Man hört es heraus in Gesprächen, es lässt sich nicht lange verstecken, weil es ihnen so wichtig ist.

Dort müssen wird zu Zeitzeugen werden, uns erinnern.

Erinnern daran, wie es damals lief – nicht nur in der NS-Zeit, auch schon früher. Wie es kam, wie einfach es sich machen lies, wie überrumpelt die Demokratie war.

Notfalls lesen wir nochmal in alten Geschichtsbüchern, schauen Dokus – aber wir müssen uns wehren.

Jetzt sind wir die Zeitzeugen.